Arbeitskonvent 2026
Christentum – Rettungsanker für Europa !?
"Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch" Hölderlin
Unser 25. Sommerlicher Arbeitskonvent in Kirchschlag bei Linz widmete sich vom 27. bis 30. August 2026 der Frage "Christentum – Rettungsanker für Europa!?". Die folgenden Porträts laden dazu ein, die Referenten, ihre Themen und ihre veröffentlichten Gedanken näher kennenzulernen. Im Mittelpunkt steht die Frage, was christliche Überzeugungen zum verantwortlichen Denken, zur Freiheit des Gewissens und zum Zusammenleben beitragen können.
Willkommensansprache des Gouverneurs
Prinz Gundakar von und zu Liechtenstein
Wächst das Rettende?
In seiner Willkommensansprache geht der Gouverneur des Alten Ordens vom St. Georg der Frage nach, ob sich angesichts tiefgreifender politischer und gesellschaftlicher Umbrüche ein neuer geistiger und christlicher Aufbruch abzeichnet. Ausgangspunkt ist die Beobachtung bemerkenswerter Veränderungen in der intellektuellen, kulturellen und religiösen Landschaft. Zunehmend entdecken Intellektuelle das Christentum als moralische und kulturelle Grundlage westlicher Gesellschaften, während sich im digitalen Raum eine neue Offenheit gegenüber Glaubensfragen entwickelt. Auch das wachsende religiöse Interesse junger Menschen, die Weitergabe des Glaubens innerhalb ihrer Altersgruppen und die Dynamik christlicher Gemeinschaften im globalen Süden werden angesprochen. Weitere Anzeichen eines möglichen Wandels sieht der Gouverneur im Erstarken christlich geprägter Bildungseinrichtungen, in neuen Ansätzen der Weltmission und im Einsatz künstlicher Intelligenz bei Bibelübersetzungen. Als bedrückenden Gegenpol thematisiert er die weltweit anhaltende und teilweise zunehmende Christenverfolgung. Vor diesem Hintergrund stellt er die Frage, ob diese Entwicklungen bereits auf einen umfassenderen geistigen und kulturellen Paradigmenwechsel hindeuten. Im Mittelpunkt seiner Überlegungen steht die Wiederentdeckung des christlichen Menschenbildes und des Naturrechts als Grundlage für Menschenwürde, Freiheit, Verantwortung und gesellschaftliche Ordnung. Die Ansprache versteht sich damit als politische und gesellschaftliche Standortbestimmung und als Denkanstoß für einen möglichen christlichen Aufbruch. Die leitende Frage lautet: „Wächst das Rettende?“
Christen weht der Zeitgeist ins Gesicht. Über die heutigen Denkstörungen
Doz. DDr. Raphael Bonelli
Raphael M. Bonelli verbindet als Facharzt für Psychiatrie und Neurologie seine ärztliche Erfahrung mit der Frage, wie Menschen zu guten Entscheidungen finden. Der 1968 in Schärding geborene Mediziner studierte in Wien und habilitierte sich 2005 im Fach Psychiatrie. Forschungsaufenthalte führten ihn unter anderem nach Harvard und an die University of California in Los Angeles. Heute arbeitet er in eigener Praxis in Wien und erreicht als Buchautor und Leiter des RPP-Instituts ein breites Publikum. Sein Thema beim Arbeitskonvent berührt eine Erfahrung, die viele kennen: Eine Nachricht empört uns, noch bevor wir ihren Inhalt gründlich geprüft haben. In seinem Buch „Kopflos“ und öffentlichen Beiträgen beschäftigt er sich damit, wie Gefühle und vorschnelle Urteile unser Denken beeinflussen. Dabei hält er Gefühle für wichtige Hinweise, deren Botschaften wir jedoch mit unserer Vernunft überprüfen müssen. Wer etwa eine andere Meinung sofort als persönlichen Angriff empfindet, kann sich fragen, ob tatsächlich eine Kränkung vorliegt oder zunächst ein sachlicher Widerspruch. Dieses alltagsnahe Beispiel verdeutlicht den Nutzen einer inneren Pause zwischen Empfindung und Reaktion. Bonelli fordert ausdrücklich, auch liebgewonnene Überzeugungen an der Wirklichkeit zu prüfen und nötigenfalls zu korrigieren. In seiner Deutung gehören dazu neben dem Denken auch Gewissen und persönliche Verantwortung. Für Christen eröffnet sich damit die Frage, wie sie ihre Überzeugungen klar vertreten und zugleich selbstkritisch und gesprächsfähig bleiben können. Der praktische Gewinn seines Ansatzes liegt in der Fähigkeit, bewusst zu urteilen und die eigenen Gefühlsreaktionen besser einzuordnen. Wer diesen Gedanken weiterverfolgen möchte, findet in „Kopflos“ und „Bauchgefühle“ zwei Zugänge zur alltäglichen Arbeit am eigenen Urteil.
Neutraler oder wertloser Staat? Ein geschichtlicher Rückblick
Prof. Dr. Tilman Repgen
Tilman Repgen untersucht als Rechtshistoriker, wie Vorstellungen von Freiheit, Gerechtigkeit und Verantwortung unsere Rechtsordnung geprägt haben. Er studierte Rechtswissenschaft in Trier und Köln, promovierte 1993 und habilitierte sich 2000 in Köln. Seit 2002 hat er an der Universität Hamburg einen Lehrstuhl für Rechtsgeschichte und Bürgerliches Recht inne. Zu seinen Forschungsgebieten gehört die Schule von Salamanca, in der Theologen und Juristen der frühen Neuzeit grundlegende Fragen nach Recht und Gerechtigkeit behandelten. Sein Konventthema führt zu einer scheinbar einfachen Frage: Welche gemeinsamen Überzeugungen braucht eine Gesellschaft, deren Bürger ganz unterschiedlich glauben und leben? Ausgangspunkt ist die von Ernst-Wolfgang Böckenförde formulierte Einsicht, dass ein freiheitlicher Staat auf Voraussetzungen angewiesen ist, die er selbst nicht vollständig garantieren kann. Gemeint sind beispielsweise Verantwortungsbereitschaft, gegenseitiges Vertrauen und die Anerkennung des Mitmenschen. Gesetze können das Zusammenleben ordnen, doch eine aufrichtige innere Haltung lässt sich durch Vorschriften allein kaum hervorbringen. Religiöse Neutralität wirft deshalb die weiterführende Frage auf, wie ein Staat verbindliche Maßstäbe schützt und zugleich unterschiedliche Weltanschauungen achtet. Der im Programm skizzierte Ansatz Repgens betont hier die Bedeutung von Erziehung und Bildung, angefangen in der Familie bis hin zur Universität. Seine rechtshistorische Arbeit erschließt dazu christlich geprägte Denktraditionen, die sich mit Freiheit, Gewissen und den Grenzen menschlicher Gesetzgebung beschäftigen. Die daraus erwachsende Frage betrifft auch den Alltag: Wo lernen Menschen, Verantwortung über ihren eigenen Vorteil hinaus zu übernehmen? Für die Beschäftigung mit Europas Zukunft ist das ein ergiebiger Zugang, weil er gesellschaftlichen Zusammenhalt mit gelebter Verantwortung verbindet. Wer sein Thema vertieft, entdeckt hinter vertrauten Rechtsbegriffen eine lange Geschichte des Nachdenkens darüber, was wir einander schulden.
„Dignitatis humanae“ und die Religionsfreiheit
Univ. Ass. Hochwürden Dr. Bernard Mallmann
Bernard Mallmann verbindet als katholischer Priester wissenschaftliche Theologie mit Erfahrungen aus der Seelsorge. Er studierte in Regensburg und Rom, empfing 2012 die Priesterweihe und war anschließend unter anderem als Kaplan in Straubing tätig. Nach seiner Promotion 2020 in Wien wurde er dort Universitätsassistent für Dogmatik und Dogmengeschichte, also für die wissenschaftliche Erschließung christlicher Glaubenslehren und ihrer Entwicklung. Sein Thema führt zu „Dignitatis humanae“, der am 7. Dezember 1965 verabschiedeten Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Religionsfreiheit. Ihr Kerngedanke lautet, dass die Freiheit in Glaubensfragen in der Würde jedes Menschen begründet ist. Niemand soll zum Handeln gegen sein Gewissen gezwungen oder innerhalb der Grenzen einer gerechten öffentlichen Ordnung an seiner Religionsausübung gehindert werden. Glaube setzt damit eine persönliche Zustimmung voraus, die sich durch äußeren Zwang nicht ersetzen lässt. Die Erklärung hält zugleich am katholischen Wahrheitsanspruch fest und verbindet ihn mit der Achtung vor der Freiheit des anderen. Gerade dieses Verhältnis von Wahrheit und Freiheit macht die Frage nach der Entwicklung kirchlicher Lehre so spannend. Wie konkret Mallmann sich damit auseinandersetzt, zeigt ein gemeinsam mit Jan-Heiner Tück verfasster Aufsatz über den Fall Edgardo Mortara. Der jüdische Junge war 1858 nach einer heimlichen Nottaufe seiner Familie entzogen worden, um ihn katholisch zu erziehen. Mallmann und Tück nehmen diesen Fall zum Anlass, die Achtung der Religionsfreiheit und der Rechte der Eltern auch gegenüber kirchlichem Handeln einzufordern. So erschließt sich die Tragweite des Konventthemas: Die Freiheit des Gewissens verlangt Konsequenzen gerade dort, wo Menschen fest von ihrer eigenen religiösen Wahrheit überzeugt sind. Ein Blick in die kurze Konzilserklärung und in Mallmanns Aufsatz lohnt sich deshalb für alle, die verstehen möchten, wie Glaubensüberzeugung und der Respekt vor Andersgläubigen zusammengehören.
Künstliche Intelligenz oder menschlicher Selbstbetrug?
Sozialethisch-kritische Perspektiven auf datenbasierte Systeme
Univ. Ass. Mag. Eugen Dolezal
Eugen Dolezal beschäftigt sich als Theologe und Sozialethiker mit der Frage, wie technische Entwicklungen unser Zusammenleben und unser Bild vom Menschen verändern. Er studierte Katholische Fachtheologie an der Universität Graz und untersuchte bereits in seiner Diplomarbeit Nick Bostroms Vorstellung einer künstlichen Superintelligenz. In seinen Veröffentlichungen fragt er unter anderem danach, welche Bedeutung menschliche Freiheit und schöpferische Tätigkeit im Umgang mit KI behalten. Sein Konventthema lenkt den Blick deshalb auf uns selbst: Was geschieht, wenn wir unser Denken zunehmend an technischen Leistungen messen? Mit datenbasierten Systemen sind hier technische Anwendungen gemeint, die aus Daten beispielsweise Vorhersagen, Empfehlungen oder Texte erzeugen. Dolezals kritischer Zugang fordert dazu auf, genau zu prüfen, was wir bei solchen Leistungen eigentlich unter „Intelligenz“ verstehen. Für ihn steht dabei die Frage im Mittelpunkt, ob die Technik der menschlichen Person und einem gerechten Zusammenleben dient. In einem weiteren Vortrag warnte er davor, Menschen in der Arbeitswelt auf ihre Funktion innerhalb automatisierter Abläufe zu reduzieren. Auch die Konzentration von Daten und Rechenkapazitäten bei wenigen Unternehmen betrachtet er als gesellschaftliches Machtproblem. Seine Beschäftigung mit KI und Diskriminierung zeigt zudem, weshalb technische Ergebnisse auf übernommene Vorurteile und benachteiligende Wirkungen geprüft werden müssen. Der im Konventprogramm verwendete Begriff „Vulnerabilität“ meint die menschliche Verletzlichkeit, die bei solchen Entscheidungen besondere Aufmerksamkeit verlangt. Aus der christlichen Sozialethik ergibt sich für ihn ein Maßstab, der den Wert einer Person unabhängig von ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit anerkennt. Die zentrale Einsicht lautet, dass wir mit der Nutzung leistungsfähiger Systeme auch Verantwortung für ihre gesellschaftlichen Folgen übernehmen. Wer KI im Beruf oder Alltag verwendet, findet in Dolezals Arbeiten daher Anlass, genauer nach den menschlichen Interessen, Maßstäben und Folgen hinter den scheinbar selbstverständlichen technischen Lösungen zu fragen.
Moderne Quellen des Politischen Islam
– ihn zu Wort kommen lassen,
um ihn dann auch beim Wort zu nehmen
Dr. Bernhard Zimburg
Bernhard Zimburg bringt in die Beschäftigung mit dem politischen Islam die Erfahrung einer langjährigen diplomatischen Laufbahn ein. Er studierte Rechtswissenschaft in Innsbruck, promovierte 1979 und setzte seine Ausbildung am College of Europe in Brügge fort. Als österreichischer Botschafter war er in Algerien, Indonesien, Japan und Australien tätig. Insbesondere seine Jahre in Algerien und Indonesien bilden einen biografischen Hintergrund für sein Interesse am Verhältnis von Religion, Gesellschaft und politischer Ordnung. Sein Konventthema richtet die Aufmerksamkeit auf Texte, in denen islamisch geprägte Organisationen ihre Ziele und Vorstellungen des Zusammenlebens formulieren. Der im Programm beschriebene Zugang besteht darin, diese Akteure anhand ihrer eigenen Aussagen zu betrachten und ihre politischen Ansprüche ernst zu nehmen. In einer öffentlich zugänglichen Stellungnahme verweist Zimburg etwa auf die Kairoer Menschenrechtserklärung sowie auf Strategiepapiere der ISESCO und der Muslimbruderschaft. Seine dort vertretene Position ist deutlich kritisch: Er sieht in den von ihm angesprochenen Ordnungsvorstellungen Gefahren für gesellschaftliche Integration und Gleichberechtigung. Für die vertiefende Beschäftigung ergibt sich daraus die Frage, welchen Platz solche Texte der Freiheit Andersgläubiger und einem gleichberechtigten Zusammenleben einräumen. Ebenso aufschlussreich ist die Frage, wie sie das Verhältnis religiöser Gebote zu staatlichem Recht beschreiben. Eine sorgfältige Lektüre berücksichtigt dabei stets Urheber, Entstehungszeit, Adressaten und politischen Zweck eines Dokuments. Aussagen politischer Organisationen dürfen zudem nicht ohne Weiteres einzelnen muslimischen Menschen zugeschrieben werden. Gerade diese Unterscheidung ermöglicht es, politische Programme genau zu prüfen und Gesprächspartnern als eigenständigen Personen zu begegnen. Zimburgs Thema lädt somit dazu ein, sich über häufig gebrauchte Schlagwörter hinaus mit den zugrunde liegenden Quellen auseinanderzusetzen. Wer diese Texte im Zusammenhang liest, kann begründeter darüber diskutieren, wo Verständigung möglich ist und wo Vorstellungen von Freiheit und Gleichberechtigung miteinander in Konflikt geraten.
Christenverfolgung – ein internationaler Vergleich
Dr. Thomas Müller
Thomas Müller ist promovierter Jurist mit einer Spezialisierung auf internationales Recht und Menschenrechte. Als Analyst im Forschungsbereich World Watch Research von Open Doors beschäftigt er sich insbesondere mit der Lage christlicher Gemeinschaften in Teilen Asiens. In einer gemeinsam mit Frans Veerman und Matthew D. Rees veröffentlichten Studie untersucht er, wie der Weltverfolgungsindex bislang wenig beachtete Formen der Verfolgung sichtbar machen kann. Sein Konventthema führt damit über Schlagzeilen hinaus zu der Frage, unter welchen Bedingungen Menschen ihren Glauben tatsächlich leben können. Verfolgung zeigt sich im Verständnis von Open Doors sowohl in offener Gewalt als auch in anhaltendem Druck und schwerwiegender Benachteiligung. Deshalb betrachtet der Weltverfolgungsindex das Privatleben, die Familie, das gesellschaftliche Umfeld, den Staat und das kirchliche Leben sowie zusätzlich gewaltsame Übergriffe. Anschaulich wird das an Fragen danach, ob jemand zu Hause beten, seine Kinder im Glauben erziehen oder sich mit einer Gemeinde versammeln kann. Müllers Forschung berücksichtigt unterschiedliche Ursachen und Verantwortliche, darunter staatliche Stellen, religiöse Extremisten und das unmittelbare soziale Umfeld. In seinen Äußerungen zu China verweist er beispielsweise auf den wachsenden Kontrollanspruch der Behörden gegenüber christlichem Leben. Besondere Aufmerksamkeit gilt in seiner wissenschaftlichen Arbeit Menschen, die ihren Glauben wechseln und dadurch innerhalb ihrer bisherigen Gemeinschaft unter Druck geraten können. Der internationale Vergleich muss nach diesem Ansatz auch Unterschiede zwischen Regionen und christlichen Gruppen innerhalb desselben Landes berücksichtigen. Für die Diskussion über Europa folgt daraus, konkrete Benachteiligungen genau zu untersuchen und unterschiedliche Formen und Schweregrade des Drucks auseinanderzuhalten. Das Programm verbindet diesen analytischen Blick mit der Frage, was europäische Christen von der Standhaftigkeit bedrängter Gemeinden lernen können. Die Beschäftigung mit Müllers Arbeit ermutigt dazu, hinter Ranglisten einzelne Lebenssituationen wahrzunehmen und daraus gezielte Anteilnahme und Hilfe entstehen zu lassen.